Wir müssen über das Heute hinaus denken
24. Oktober 2006
Antwort der Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Dr. Ursula von der Leyen:
Generationengerechtigkeit hat viel mit Zukunftschancen zu tun. „Wir dürfen unsere Zukunft nicht verbrauchen“, hat unsere Bundeskanzlerin Angela Merkel in der Debatte um den Bundeshaushalt 2007 gefordert. Dieser Ansatz beinhaltet für mich sowohl die Bewahrung der Schöpfung als auch den nachwachsenden Generationen alle Chancen zu geben, ihr Leben verantwortlich und erfolgreich zu gestalten.
Eine Befragung des Generationenbarometers vom Allensbacher Institut für Demoskopie aus dem Jahre 2005 stellt vor allem vier Aspekte von Generationengerechtigkeit heraus:
· jede Generation berücksichtigt die Interessen der anderen;
· Chancengleichheit für Jüngere und Ältere;
· die sozialen Sicherungssysteme werden so reformiert, dass sie langfristig stabil bleiben können;
· wir hinterlassen der jungen Generation nicht so hohe Staatsschulden, dass ihre Zukunftschancen beeinträchtigt werden.
Dazu müssen wir über das Heute hinaus denken. Bezogen auf die Themen meines Ressorts heißt Generationengerechtigkeit beispielsweise: Kinder müssen unabhängig von ihrer Herkunft die besten Chancen bekommen. Wir wissen heute, dass die Grundlagen für den Bildungserfolg bereits im Kindergartenalter gelegt werden. Hier müssen wir ansetzen und nicht erst in der Schule, wenn der Rückstand durch fehlende Sprachkenntnisse oder versäumte Förderung kaum noch aufzuholen ist. Zu den Chancen für die nachwachsende Generation gehört auch, dass sie die Kinder bekommen können, die sie sich wünschen. Dazu brauchen sie eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf, gezielte Unterstützung am Anfang wie das Elterngeld, gute Kinderbetreuung und eine familienbewusste Arbeitwelt.
Kinder sind unsere Zukunft – ohne sie fehlen sozialer Zusammenhalt, Innovationen und Wachstum, fehlen künftige Fachkräfte und Eltern. Häufig wird beklagt, durch die demographische Entwicklung gerate das Verhältnis zwischen den Generationen aus dem Gleichgewicht. Die Zahlen sind unbestritten, dennoch glaube ich, dass wir von einem „Krieg der Generationen“ weit entfernt sind. Im Gegenteil: Studien zeigen ein besseres Verhältnis zwischen den Generationen als je zuvor. Man hilft sich gegenseitig – innerhalb der Familie aber auch darüber hinaus. Alt und Jung können viel von einander lernen und viel zusammen schaffen.
Noch nie in der Geschichte sind so viele Menschen so alt geworden. Noch nie waren sie dabei so gesund, so gebildet, hatten so viel Zeit und so viel Geld. Sie stellen ein gewaltiges Potenzial für die Gesellschaft dar. Sie können Zeit und Erfahrungswissen geben. Aus diesem Grund hat das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend das Aktionsprogramm Mehrgenerationenhäuser in Leben gerufen. Mehrgenerationenhäuser sind Orte, an denen das Prinzip der Großfamilie in moderner Form gelebt werden kann, wo sich Menschen aller Generationen ganz selbstverständlich im Alltag begegnen. Mit ihren vielfältigen Angeboten tragen Mehrgenerationenhäuser dazu bei, der Isolation der verschiedenen Altersgruppen entgegen zu wirken und fördern den Austausch und das Verständnis zwischen den Generationen – Voraussetzungen für eine wirksame Generationenpolitik.
Generationengerechtigkeit lässt sich dann verwirklichen, wenn wir nicht nebeneinander, sondern miteinander leben und füreinander da sind. Alle Politikerinnen und Politiker, von der Bundestagsabgeordneten bis zum Stadt- oder Gemeinderat, müssen darauf achten, dass die verfügbaren Mittel in Zukunftschancen investiert werden – also etwa in Schulen und Kindergärten statt in einen neuen Kreisverkehr. Das ist gelebte Demokratie, denn – so Heinrich Heine: „Demokratie ist im Grunde nichts anderes als das Bewusstsein, dass wir alle füreinander verantwortlich sind.“
Dr. Ursula von der Leyen
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