Soziales
Dass die sozialen Sicherungssysteme in Deutschland erneuerungsbedürftig sind, ist den meisten klar. Wie solch eine Renovierung allerdings aussehen könnte, darüber herrscht weniger Einigkeit, und bei vielen Bürgerinnen schlichtweg Verwirrung. Kein Wunder, ist das deutsche Sozialsystem doch alles andere als überschaubar: Allein unser Gesundheitssystem besteht aus einem fröhlichen Wirrwarr von 253 gesetzlichen und 97 privaten Krankenkassen. Bei der Rente muss man unterscheiden ob die Menschen gesetzlichen und freiwillig versichert sind. Expertinnen diskutieren darüber hinaus noch über die Belastung der Rentensysteme durch die deutsche Einheit. Als wäre dies noch nicht genug, kann man sich darüber hinaus mit der Pflegeversicherung, mit Kindergeld und BaFög, mit Hartz IV und ALG II beschäftigen.
Trotz all dieser Unübersichtlichkeit lohnt es sich, nicht so schnell aufzugeben. Denn alle diese Bereiche sind in unserem Alltag elementar wichtig. Wichtig deshalb, weil wir uns darauf verlassen müssen, dass im Schadensfall - also wenn wir Hilfe brauchen - eine dieser Säulen den Schaden auffängt. Dies ist das Solidaritätsprinzip, auf dem die deutsche Gesellschaft seit mehr als 100 Jahren aufbaut.
Klingt doch gut - denkt man sich?
Auf den ersten Blick schon, und bislang hat eigentlich auch noch alles relativ gut funktioniert. Doch innerhalb des Systems gibt es seit langem Probleme. Gut ein Drittel der benötigten finanziellen Mittel muss der Bund jährlich zuschießen, damit die sozialen Sicherungssysteme noch finanzierbar bleiben, denn alleine tragen sie sich schon lange nicht mehr. Außerdem ist die Finanzierung ungerecht. Nicht jeder zahlt in Deutschland die so genannten Sozialabgaben. Gerade Gutverdienende sind nicht pflichtversichert, sie leisten also keinen Beitrag zur gemeinsamen Finanzierung.
Immer größer werden auch die Unterschiede in der Qualität der Versorgung. Privat Versicherte zahlen höhere Krankenversicherungsbeiträge und bekommen dafür deutlich bessere Leistungen. Keine Praxisgebühr, kaum Zuzahlungen bei Medikamenten, ein extra Wartezimmer beim Arzt, die Chefarztbehandlung im Krankenhaus. Und es geht nicht nur darum, wie etwas finanziert wird, sondern auch ob: Präventive Maßnahmen, langwierigere Behandlungen wie beispielsweise Psychotherapien, oder Maßnahmen wie der Zahnersatz- all dies wird häufig von den gesetzlichen Krankenkassen nicht (mehr) bezahlt.
Gesundheit in Deutschland - zunehmend eine Frage des Geldbeutels.
Doch nicht nur in diesem Bereich sind die Zahlen alarmierend. Kinderarmut verzeichnet in Deutschland eine steigende Tendenz. Ebenso gravierend ist das Problem der Armut im Alter. Gerade hier vermuten Experten eine hohe Dunkelziffer. Ein paar einfache Änderungen würden hierbei schon helfen.
Wir brauchen eine einheitliche Versicherung für alle.
Eine Versicherung, in die jeder einzahlt, und von der jeder die gleichen Leistungen erhält. Zusätzliche Versicherungen darüber hinaus können natürlich weiterhin möglich sein, die Qualitätsstandards der verpflichtenden Versicherung sollten allerdings so hoch sein, dass jeder Mensch den Schutz und die Leistungen erhält, die er oder sie braucht.
Außerdem sollte man sich überlegen, warum nur das Einkommen, das aus lohnabhängiger Arbeit entsteht, eine Grundlage für die Versicherung sein muss. Viele Menschen verdienen viel mehr Geld durch Mieteinnahmen, Zinseinkünfte oder ähnliches. Es ist doch ungerecht zu sagen, dass dieses Einkommen bei der Berechnung nicht beachtet wird. Wichtig ist auch, alle Säulen des deutschen Sozialsystems in einer Versicherung zusammenzufassen. Wir brauchen eine einheitliche Beitragserhebung, eine einheitliche Mittelverwaltung, die transparent ist, und bei der die Versicherten Mitspracherechte haben.
Sozialversicherungen sind für die Menschen da. Aus diesem Grund müssen sie von ihnen auch verstanden werden (können). Für uns ist es außerdem wichtig, dass jeder Mensch von Anfang an die gleichen Chancen bekommt. Deshalb sollten wir versuchen, jeden so gut es geht zu fördern.
Modelle wie das Grundeinkommen sind erste Ansätze, die einen Aspekt in den Mittepunkt stellen: Den Menschen unabhängig und frei zu machen, und ihm somit die Möglichkeit zur individuellen Entfaltung zu geben. Es ist unwürdig, wenn Menschen auf dem Arbeitsamt ihre privatesten Verhältnisse offenbaren müssen, nur um das Geld zum überleben zu erhalten. Wir wollen Menschen nicht zu einer Arbeit zwingen, die ihnen nicht gefällt. Wir wollen jedem Menschen die Möglichkeit geben zu studieren.
Das Grundeinkommen würde auch einem BaFög für alle gleichen. Damit könnte endlich deutlich gemacht werden, dass die Studienfinanzierung Sache der Gesellschaft ist, und nicht allein Angelegenheit der Eltern!
Durch eine Grundsicherung für Kinder würden endlich auch einem dramatischen Trend entgegenwirken: Kinder zählen in Deutschland nämlich heute zum Armutsrisiko Nummer 1.
Und nicht zu guter Letzt könnte durch ein Grundeinkommen das Ehrenamt gestärkt werden. Sehr viele Menschen leisten unbezahlt und nach der Arbeit wertvolle Arbeit, von der Pflege angehöriger, über Hausaufgabenhilfe, Engagement in Sportvereinen, Kirchen oder Parteien. Ohne solch Engagement könnte unsere Gesellschaft nicht funktionieren. Das Grundeinkommen gibt den Menschen mehr Freiheit. Freiheit sich für dieses Engagement zu entscheiden, es sich leisten zu können sich zu engagieren und eine Arbeit zu tun, die erfüllend ist, wichtig ist, aber leider in Deutschland nicht als solche bezahlt wird.