Migration

Deutschland ist ein Einwanderungsland – und das schon seit 50 Jahren: seit dem Beginn der Gastarbeiteranwerbung in den 50er Jahren sind jedes Jahr über 200.000 Menschen zugewandert. Diese Zuwanderung schuf wichtige Impulse auf dem Arbeits- und Wirtschaftsmarkt: MigrantInnen   bringen häufig neue Fähigkeiten mit und stehen somit nicht im Wettbewerb zum bestehenden Arbeitsmarkt, sondern erweitern Angebote und schließen Marktlücken.
Mit dem demographischen Wandel wird Einwanderung noch  wichtiger: ab 2020 wird die Anzahl der Arbeitskräfte in Deutschland drastisch sinken: während 1998 noch 40,6 Mio. Menschen berufstätig waren, werden es 2050 voraussichtlich nur noch 31. Mio. sein. Migration kann mit Sicherheit nicht der einzige Lösungsansatz dieses Problems sein, aber einen Beitrag dazu leisten,  das Problem zu verzögern und abzumildern.
Das restriktive Einwanderungsrecht, über das Deutschland verfügt, ist hier sehr hinderlich: selbst wenn langsam auch bei den konservativen Parteien die Notwendigkeit von Zuwanderung erkannt wird und  zwei Kommissionen der Bundesregierung, die von Unionspolitikern geleitet wurden (Süssmuth- und Herzog-Kommission) Einwanderung als notwendig ansahen, selbst wenn der Zuwanderungskompromiss der rot-grünen Bundesregierung 2003 Zuwanderung von hoch qualifizierten Arbeitnehmern erleichtern sollte, ist Deutschland weit entfernt von einem unideologischen Umgang mit Migration. Die Hürden sind selbst für hoch qualifizierte Migranten zu unübersichtlich und zu bürokratisch und es gibt diverse Ausnahmeregelungen, die die Einstellung ausländischer MitarbeiterInnen für flexibel arbeitende Firmen quasi unmöglich machen. Außerdem vermittelt das Verfahren weiterhin den psychologischen Effekt, hier nicht willkommen zu sein. Deutschland  muss aber  dringend im Wettbewerb mit anderen Ländern um junge, gut ausgebildete ArbeitnehmerInnen konkurrieren können, denn wir sind nicht das einzige Land mit demographischen Problemen: in Italien, Griechenland, Spanien und Portugal, in nahezu allen neuen EU-Ländern, aber auch in Staaten wie Südkorea wird die Bevölkerung bis 2050 deutlich zurückgehen. Deshalb ist es wichtig, sich bereits heute für FacharbeiterInnen mittlerer Qualifikation zu öffnen und ihnen eine langfristige Perspektive in Deutschland zu bieten, um schon heute den wachsenden Problemen entgegen zu wirken. Allerdings muss hier auch  das Problem des Brain-Drains beachtet werden: die Abwanderung qualifizierter Arbeitskräfte kann die Wirtschaft des Herkunftslandes schwächen. Hier müssen mit verstärkter Kooperation zwischen Universitäten während der Ausbildung und der Möglichkeit für ZuwandererInnen, in ihrem Heimatland arbeiten zu können, ohne ihre Arbeitserlaubnis in Deutschland zu verlieren, Instrumente geschaffen werden, um den Brain-Drain abzumildern. Allerdings kann die Angst vor dem Brain-Drain nicht als Argument gelten, Einwanderung abzulehnen: wer bereit ist, sein Heimatland zu  verlassen, um anderswo zu leben und  zu arbeiten, wird das auch tun- und wenn er nicht nach Deutschland geht, dann nach Frankreich oder in die USA.
Neben der Einwanderung ist  aber auch die Qualifizierung hier lebender Menschen mit Migrationshintergrund eine zentrale Aufgabe. Im Moment verschenken wir wertvolles Potential, wenn wir  es zulassen, dass MigrantInnen ab dem Kindergarten so benachteiligt werden, dass sie es ihr ganzes Leben lang  nicht mehr ausgleichen können. Mit frühzeitiger Förderung und gezielten Angeboten zum Spracherwerb könnten hier bereits in Kita und Grundschule Möglichkeiten eröffnet werden, die soziale und ethnische Segregation in der Bildung zu bekämpfen. Auch bei der Berufsausbildung sind MigrantInnen benachteiligt: viele von ihnen finden trotz Schulabschluss keine Ausbildungsstelle. Hier muss es spezielle Programme geben, die die Einstellung  von Auszubildenden mit Migrationshintergrund fördern.
Zuwanderung bedeutet auch eine Kraftanstrengung: Deutschland darf die Fehler, die es in den letzten 50 Jahren gemacht hat, nicht noch einmal wiederholen. In der Integrationspolitik muss dringend umgedacht werden, um bereits hier lebenden MigrantInnen endlich eine gleichberechtigte Teilhabe an der Gesellschaft zu ermöglichen und mit Sprachkursen und Programmen gegen Gettoisierung Neuankömmlingen das Einfinden in die Gesellschaft zu erleichtern.
Zuwanderung bedeutet für uns jedoch auch, sich nicht auf die ökonomischen Notwendigkeiten zu beschränken, Migration nicht nur für hoch Qualifizierte zu ermöglichen. Unser Ziel ist es, jedem und jeder die Möglichkeit zu geben, sich auf der Welt frei zu bewegen und unabhängig von den einzelnen Gründen hier ein neues Leben zu beginnen, Der Arbeitskräftemangel und der das Problem des demografischen Wandels darf nur eein zusätzliches Argument neben vielen anderen sein! Zuwanderung muss im gesamtgesellschaftlichen Kontext gesehen werden, der Schlüssel für Zuwanderung muss daher an der Gesamtgesellschaft orientiert sein. Eine Auswahl von Zuwanderung – nach welchen Kriterien auch immer- lehnen wir ab.

Zum weiterlesen:

  • Elisabeth Niejahr: Alt sind nur die anderen. So werden wir  in Zukunft leben, lieben und arbeiten. Frankfurt a.M. 2005.
  • Bernhard Frevel (Hrsg.): Herausforderung demografischer Wandel, Wiesbaden 2004.

(gibt’s beide auch bei der Landeszentrale für politische Bildung NRW)