Demografie

Den Wandel gestalten

In Deutschland reden alle Politiker über den sogenannten demographischen Wandel. Damit ist die Alterung der Gesellschaft gemeint, da seit circa 20 Jahren jährlich weniger Menschen geboren werden, als sterben. Dennoch „wächst“ Deutschland, die Bevölkerungszahl steigt geringfügig an. Das liegt allerdings vor allem daran, dass immer viele Menschen aus anderen Ländern zuwandern. Doch auch hier gehen ExpertInnen davon aus, dass die Zuwanderung bis 2010 rückläufig sein wird, denn der Trend geht zur Arbeitsplatzwanderung - ohne den Zuzug der Familie.
Der demographische Wandel ist kein Phänomen, das nur auf Deutschland beschränkt ist. Im Gegenteil. Er betrifft eigentlich alle Industriestaaten Europas, aber auch Japan und die USA. Das Phänomen ist auch nicht neu – Forscher hatten es schon in den 70er Jahren vorhergesagt.

Was ist so schlimm am Demographischen Wandel?

Unser Sozialsystem baut in vielen Bereichen auf eine Bevölkerungsstruktur auf, die einer Pyramide sehr ähnlich ist. In dieser Pyramide stehen die jungen Menschen ganz unten und die älteren Menschen bilden quasi die Spitze.
Durch den demographischen Wandel sinkt die Zahl der Erwerbstätigen – und zeitgleich steigt die Anzahl der RentnerInnen. Daraus folgt, dass immer weniger Arbeitnehmer über die Rentenbeiträge das Geld für immer mehr Rentner aufbringen müssen – die Beiträge steigen von Jahr zu Jahr und das Rentenniveau stagniert. Gerade für junge ArbeitnehmerInnen und Arbeitnehmer entstehen hohe Belastungen, weil sie neben den hohen Rentenbeiträgen zusätzlich noch private Vorsorge betreiben müssen. Auch für ArbeitgeberInnen bedeuten die hohen Abgaben eine zusätzliche Last, die Investitionen zukünftig eher erschweren wird.
Ökonomisch ist weiterhin bedenklich, dass eine immer größer werdende Zahl von Menschen ausschließlich von staatlichen Transferleistungen, wie der Rente leben wird. Das bedeutet stagnierende und sinkende Kaufkraft, die wiederrum die Triebfeder einer funktionierenden Ökonomie ist.
Zeitgleich mit einer sinkenden Bevölkerungszahl steigt die Urbanisierung der Gesellschaft rapide. Junge Leute, vor allem aus den ländlichen Gebieten Ost- und Norddeutschlands ziehen in die größeren Städte, um zu studieren und zu arbeiten. Mehr als 90% von ihnen bleiben nach dem angestrebten Abschluss dort. Daraus folgen sich stark entleerende und überalterte ländliche Regionen. Die wenigen, zumeist alten Menschen, die dort leben, müssen jedoch weiterhin versorgt werden, mit Lebensmitteln, Dienstleistungen und mit öffentlichem Nahverkehr. Dies lässt sich allerdings kaum wirtschaftlich betreiben.
Auch das bisherige System von Pflege und Betreuung ist nicht darauf ausgerichtet, eine noch größere Zahl von alten Menschen zu versorgen. Die Situation in Pflegeheimen ist jetzt schon katastrophal, sie wird durch die erwartbare Steigerung von pflegebedürftigen Menschen noch schlimmer werden. Neue Konzepte und vor allem Mut zu Investitionen sind gefragt.
Ob der Demographischen Wandel weitreichende ökologische Folgen hat, ist umstritten:
Auf der einen Seite bedeutet der Demographische Wandel sinkenden Ressourcenverbrauch und Räumung großer Flächen, weil sie vom Menschen nicht mehr genutzt werden, könnten zu einer großräumigen Flächenentsiegelung führen. Andererseits ist ein Mehrpersonenhaushalt, den es aufgrund des Demographischen Wandels immer weniger geben wird, ökologischer als ein Haushalt mit nur ein bis zwei Personen, da in einem Mehrpersonenhaushalt z.B. Energie für Licht oder das Auto von mehreren Personen genutzt wird.

Kann man den Demographischen Wandel aufhalten?

Nein. Auch wenn von verschiedenen Politikern der Eindruck erweckt wird, man könne die Alterung der Gesellschaft verhindern, wenn nur alle Frauen jetzt Kinder bekämen, so ist ein „Knick“ in der oben angesprochenen Alterspyramide nicht zu verhindern. Die Kinderzahl pro Frau schwankt in Deutschland zwischen 1,3 und 1,4; aber selbst wenn auf einen Schlag doppelt so viele Kinder auf die Welt kämen wie heute, so würden diese doch frühestens in 20 Jahren beginnen, zu arbeiten und damit Beiträge für das Sozialsystem zu leisten. Für das heutige System ist dies viel zu spät.

Was also tun?

Man kann den Wandel nicht aufhalten, aber man kann ihn gestalten. Indem man neue Konzepte entwickelt, in der Altenpflege („Generationenübergreifendes Wohnen“), im öffentlichen Nahverkehr, im Bereich der sozialen Sicherungssysteme und der Altersfürsorge. Aus der ökologischen Perspektive ist der sinkende Flächen- und Ressourcenverbrauch erfreulich, aus ökonomischer Sicht ist die sinkende gesellschaftliche Kaufkraft bedenklich. Konzepte, die diesen Problematiken begegnen, sind bislang Fehlanzeige. Hier besteht akuter Handlungs- und Debattenbedarf.
Es ist natürlich erfreulich, wenn in unserer Gesellschaft die Situation von Familien und Kindern endlich einmal Thema werden. Dieses darf aber nicht im Kontext von Kinderzahlen und sinkenden Geburtenraten passieren, sondern sollte als eine breite, gesamtgesellschaftliche Debatte vor allem vor der sozialen Situation von Kindern und Familien geführt werden.
Familien und Kinder stärken

Heute ist es für junge Paare, die sich Kinder wünschen, schwer, diesen Wunsch mit ihren legitimen beruflichen Plänen oder auch dem Wunsch nach Planungssicherheit in Einklang zu bringen. Dies muss geändert werden. Und zwar ausdrücklich nicht, damit „für den Staat“ mehr Kinder geboren werden, sondern weil es eine echte Wahlfreiheit für jeden Menschen geben muss – eben auch, was den Kinderwunsch anbetrifft.

Kinder sind in unserer Gesellschaft ein Armutsrisiko – um dies zu verhindern brauchen Familien finanzielle Unterstützung. Um allen Kindern die selben Entwicklungs- und Bildungschancen zu gewährleisten, müssen die Plätze in Kindertagesstätten kostenlos sein. Wo dies nicht zu erreichen ist, ist eine soziale Staffelung der Beiträge, die auf möglichst niedrigem Niveau gehalten werden müssen, unumgänglich. Auch der Ausbau der Kinderbetreuung für Kinder unter 3 Jahren ist notwendig, damit besonders Frauen die Chance haben nach der Geburt früh in ihren Beruf zurückzukehren.

Auch große Betriebe sind gefordert: Sie müssen in größerem Maße als bisher innerbetrieblich für ein besseres Klima für Familien sorgen, z.B. durch Betriebskindergärten oder -krippen oder durch flexible Arbeitszeiten für Väter und Mütter etwa. Allgemein ist ein Umdenken in Wirtschaft und Gesellschaft notwendig. Kinder und – damit logischerweise verbunden – auch Familien müssen wieder als Bereicherung gesehen werden – und nicht als Belästigung oder Einstellungshindernis!
Besonders Alleinerziehende mit einem oder mehr Kindern sind übermäßig häufig von dem Fall in die Sozialhilfe betroffen. Hier müssen Maßnahmen ergriffen werden, die über ein doppeltes Kinder- oder Erziehungsgeld bewirken, dass Kinder unabhängig von der sozialen Lage ihrer Eltern in einem finanziell abgesicherten Umfeld aufwachsen können.

Während Familien mit Kindern zunehmend in soziale Schieflage geraten, weil kein Geld für Infrastruktur und staatliche Unterstützungsleistungen vorhanden ist, werden kinderlose Verbindungen, sofern sie als „Ehe“ vorm Standesamt beglaubigt wurden, weiterhin durch das Ehegattensplitting finanziell gefördert. Diese Subvention gehört zunächst sozialverträglich abgeschmolzen und muss später zu Gunsten einer Förderung, die sich auf Kinder und nicht auf den Stand der Eltern bezieht, gänzlich gestrichen werden.

Nach Schätzungen des Familienministeriums wachsen in Deutschland zehntausende Kinder in sogenannten „Regenbogenfamilien“, also mit zwei gleichgeschlechtlichen Elternteilen, auf. Beide Elternteile übernehmen Verantwortung, werden aber weder finanziell noch juristisch vom Staat dabei unterstützt oder erfahren Anerkennung für ihre Leistung. Bis heute ist nur das sogenannte „kleine Sorgerecht“ für den gleichgeschlechtlichen Partner des Elternteiles erlaubt. Eine Adoption ist ausgeschlossen. Im Zuge der überfälligen Öffnung der Ehe für Schwule und Lesben müssen auch diese ungerechtfertigten Benachteiligungen schnellstmöglich verschwinden.