In Zukunft älter …? Die Frage nach Gerechtigkeit ist zentral in der Gesellschaft.

„Ich möchte keine Angst vor der Zukunft haben müssen!“

15. September 2006

Köln, 9. September 2006Der landesweite Aktionstag am 9. September fand auch in Köln statt - dort suchte die Grüne Jugend die Zukunftsideen der Kölnerinnen und Kölner auf dem Wallraffplatz direkt vor dem Dom.

„Gleiche Chancen für Frauen in allen Bereichen!“ können die Vorbeilaufenden an der blauen Stellwand vor dem Domkreuz lesen, und „Eine Schule für alle!“ Davor stapeln sich durch Pappkartons dargestellt die Werte unserer Gesellschaft: Solidarität, gerechte Verteilung der Ressourcen, Frieden… eine fragile Konstruktion, die sofort in sich zusammenbricht, wenn nur ein Baustein entfernt wird – oder der (klimaerwärmte?) Wind kräftig über die Domplatte weht.
Dabei sind nicht nur die aufgeschriebenen Ideen und Wünsche interessant, und wie unterschiedlich diese ausfallen. Denn nicht nur hochgesteckte Ziele wie „Frieden auf Erden“ oder „eine Welt mit Tierschutz“ werden hier angebracht. Auch ganz persönliche Wünsche wie der nach einem guten Ausbildungsplatz oder, weil bei aller Sorge um die Zukunft das Pragmatische doch irgendwie stärker war, die Forderung nach einer Preissenkung für Pressfleisch in Brötchen beim Fastfood-Riesen gegenüber.

Köln, 9. September 2006Doch auch die Reaktionen des lesenden Publikums mögen erstaunen. „Ich will selbst entscheiden können, wie ich mein Leben lebe!“ steht auf einer der Karten, was ein Ehepaar in den Fünfzigern zur Äußerung hinreißt, die Jugend müsse doch zuerst Verantwortung lernen bevor sie nach Entscheidungsfreiheit schreie. Der Einwand, nur durch eigene Entscheidungen könne doch Verantwortung erst erlernt werden, wird verworfen: „Ja, aber die Reihenfolge.“ Weiteren Nachfragen wird, im wahrsten Sinne des Wortes, aus dem Weg gegangen. „Selbstverantwortung“ findet trotzdem noch ein zweites Mal den Weg an die Pinnwand.
Weniger eigene Verantwortung möchte offenbar ein anderer Kartenschreiber übernehmen und hofft stattdessen auf Hilfe von oben: „I wish the Lord would come back soon!“ steht auf seinem Wunschzettel. Hingegen verzichtet „Isabelle, 20“ auf fremde Hilfe und besteht sogar darauf, „in keinem Überwachungsstaat leben“ zu wollen.
Der jugendliche Schreiber, der sich für „billigere Preise bei der Bahn“ ausspricht, sorgt für seine Zukunft gleich mit und hinterlässt seine Telefonnummer mit auf dem Zettel. Ob er damit Erfolg hatte ist nicht bekannt. Jemand anderes stellt einen Anspruch an sich selbst: „Ich
wünsche mir, ohne Vorurteile durch’s Leben zu gehen.“ Das funktioniert wohl nur gegenseitig.

Köln, 9. September 2006Die Touristen strömen weiter von allen Seiten am Pappstapel der Gesellschaft vorbei, oder bleiben in ganzen Gruppen auch mal davor stehen – leider oft nur mit Blick auf den Dom. So lenkt auch hier die Vergangenheit erfolgreich von der Zukunft ab – fast kommt der Eindruck auf, die Zukunft stünde nur im Weg, doch sie hält sogar den prüfenden Blicken der Polizei stand – Genehmigung sei Dank.
Während gehetzte Köln-BesucherInnen weiter versuchen, den Dom in seiner gesamten Größe zu fotografieren, und einige von ihnen unseren Stand dankbar als Informationsquelle und Richtungsweiser nutzen, füllt sich die Ideenwand weiter. „Solidarität“ wird nun auch dort verlangt, „Solidarität aller Menschen in einem starken Sozialstaat ohne die Parole ‚Der Markt wird’s richten.’“ Könnten wir gleich nach Berlin weiterschicken. Auch auf den „radikalen Umweltschutz“ warten wir ja schon länger vergebens.

Die Sonne verzieht sich langsam hinter Kölns Häusern, und es macht sich Aufbruchstimmung breit. Ein zum Ei umgestaltetes Kärtchen mit geschlüpftem Küken trägt sie Aufschrift: „Ich wünsche mir zukünftig täglich Neubeginn.“

Wir werden sehen.

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